Urgeschichte des Weines – Teil I


von Tim von Lindenau

Wenn es um die Ursprünge des Weins geht, so fallen meist Begriffe wie: Georgien, Antike und Tonkrug. Doch wann wuchs die erste Rebe aus dem Boden? Wie war das, als die erste Traube vom Menschen gefunden und genutzt wurde? Und wann genau hat man angefangen Wein zu keltern?

In der Kreidezeit vor etwa 100 Millionen Jahren entwickelte sich in den Wäldern der Urzeit eine uns wohl bekannte Pflanze. Im Schatten der großen Bäume prähistorischer Wälder wuchs Vitis, die Rebe, zunächst weit entfernt vom Licht der Sonne. Auf der Suche nach wärmendem Sonnenschein, rankte sie sich an den Bäumen hinauf, wo sie in den lichten Kronen süße und nahrhafte Trauben ausbildete. Wenn die Temperaturen es zuließen, schaffte sie es bis in schwindelnde Höhen, um ihre Früchte im Sonnenlicht reifen zu lassen. In kühleren Regionen nutzte sie die durch Reflexion entstandene Erdwärme, um ihr Fruchtfleisch mit dem von Tier und Mensch so begehrten Zucker zu versorgen. Denn der Verzehr der Trauben durch Tiere sorgte für die Verteilung der Samenkerne und die weitläufige Verbreitung. Übrigens waren die Reben damals noch keine Zuchtzwitter, wie es heute der Fall ist, sondern männlich und weiblich, wobei nur die weiblichen Reben auch Trauben trugen.

peinture rupestre

„Das war also die Zeit, in der alles seinen Anfang nahm”, beginnt der Weinfreund zu schwärmen. Doch stützt sich, das sei vorweggeschickt, der Anfang der Weingeschichte vor allem auf Spekulationen, die nur durch wenige Funde abgesichert sind. Die Archäologie steht auch heute, trotz moderner Methoden und komplexer Analysen, oft mit leeren Händen da. Zwar fanden sich schon in älteren Schulbüchern Verweise auf ganze Bibliotheken der Weingeschichte, doch basierte schon damals viel Wissenschaftliches auf reiner Spekulation und wurde nur allzu oft von neuen Funden oder neuen Spekulationen über den Haufen geworfen. Man weiß recht wenig über die Kulturen, die keine schriftlichen Zeugnisse oder Kunstwerke hinterließen, und historische Zeitskalen müssen häufig neu justiert werden, da man immer tiefer gräbt und die Funde immer feiner untersuchen kann. Doch da, wo ein Wein getrunken und das Holzfass verrottet, bleibt auch dem empfindlichsten Messgerät nichts zu messen.

Als die Jäger und Sammler auf die erste Weinrebe stießen, machten Sie eine wahrlich große Entdeckung. Man muss sich vorstellen, dass die erste Traube am Waldboden unter einem großen Baum gefunden wurde. Die im Spätsommer reifenden Früchte fielen aus den Kronen herab und wurden so zum gefundenen Fressen für Mensch und Tier. Das Fruchtfleisch ihrer Trauben war äußerst schmackhaft und lieferte wertvolle Nährstoffe. Die Kerne versorgten den Menschen später mit Öl, und das Gehölz diente dem Feuer.
Rund 70.000 Jahre nutzte man den Wein vom Fund in den Mund, bis man begann, die Pflanze zu kultivieren. Mit Beginn des Neolithikums, vor ca. 11.000 Jahren, kamen dann die ersten Menschen auf die Idee, den Wein gezielt anzubauen. Die ältesten Funde kultivierten Weins fand man bislang auf der eurasischen Platte in Afghanistan (6000 Jahre v.u.Z.), wo man die Wiege des Weinbaus anhand von Siedlungsdichte und örtlichen Samenfunden bestimmte. (Ob dies tatsächlich der Ursprung der Winzer war, erfahren wir wohl erst in ferner Zukunft, sollten sich diese Funde tatsächlich als die ältesten behaupten). Die Urzucht der Reben vermutet man im südlichen Georgien, im Irak, in China und neuerdings auch im schweizerischen Wallis. Um dieses Wissen zu erlangen, analysieren Wissenschaftler weltweit Bodenproben, um Pollenrückstände und Samen in den Erdschichten der vergangenen Epochen ausfindig zu machen. Auf diese Weise können sie recht ausführlich die Flora längst vergangener Zeiten bestimmen und einen Einblick in frühe Pflanzenwelten ermöglichen. Allerdings ist nicht auszuschließen, dass bestimmte Materialien ab einem gewissen Alter durch natürliche Verrottung oder durch Umwelteinflüsse nicht mehr existieren. Vielleicht gibt es daher noch viel ältere Geschichten der Urzeit, von denen man keine Überbleibsel mehr findet.

Fledermaus im Flug

Laut Dr. Volker Joerger vom staatlichen Weinbauinstitut in Freiburg ist es wohl 6-7.000 Jahre her, dass der erste Unfall mit der zur Gärung neigenden Traube geschah. Dies belegen Funde aus eben dieser Zeit, die auf kontrollierte Gärprozesse hinweisen. Wie bekannt, gärt die Traube, bevor sie sich der Verrottung hingibt, was auch der Grund ist, weshalb diese Frucht so sehr geschätzt wird.
Wie muss es dem ersten Menschen ergangen sein, als er das alkoholische Fruchtfleisch zu sich nahm und wenige später, da er ja nicht wusste, wie ihm geschah, um seine Gesundheit bangte? (Man darf nicht vergessen, wie lebensgefährlich es mitunter war, unbekannte Waldfrüchte zu probieren). Als der arme Kerl, der mit seinem ersten Weinrausch kämpfte, wieder nüchtern wurde und anschließend seine Erlebnisse schilderte, war die Nutzung von Vitis Vinifera wohl besiegelt.
Die Spekulationen um die Anfänge des frühen Weinkelterns berufen sich auf Funde von großen Samenmengen und speziellen Gefäßen. Wie gesagt, beweist dies freilich nicht, dass es sich hierbei tatsächlich um die Zeit des ersten Kelterns handelt. Wahrscheinlich wurde der Gärprozess schon viel früher entdeckt. Wenn man große Mengen Trauben sammelt, lässt es sich gar nicht verhindern, dass ein Teil davon zu gären beginnt. Der verführerische süße Duft, den eine Traube von sich gibt, hat bestimmt schon vorher Menschen wie auch Tiere zum Naschen verleitet. Vielleicht hat man ja schon vor 80.000 Jahren Weintrauben in Blätter eingewickelt und zum Gären gebracht, und vielleicht war das der eigentliche Anfang von Wein, Weib und Gesang …
In zwei Wochen wird die Serie mit einem Artikel über den Weinbau in der Antike fortgesetzt.

Urgeschichte des Weines - Teil I, 4.4 out of 5 based on 19 ratings

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4 Antworten zu “Urgeschichte des Weines – Teil I””

  1. Teubner
    Titel:

    Hallo, und schönen guten Abend!
    Ich bin ein fauler Leser, aber die Liebe zu kurzen Artikeln,Beschreibungen und mehr stimmen mich um.Wie Ihr Bericht, interessant, lehrreich und wie sehr viele Heftchen z.B in der Weinlese.
    Mit freundlichen Grüßen Ihr Delinat Kunde Gernot Teubner

  2. Rainer Nagel
    Titel:

    Hallo,
    finde den Artikel sehr interessant und freue mich auf die Fortsetzung.
    Viele Grüße Ihr Delinat Kunde Rainer Nagel

  3. Horst Mann
    Titel:

    Guten Tag !
    Ich finde Ihren Artikel sehr informativ .
    Er paßt zu Ihren guten Weinen !
    Mit freundlichem Gruß

    Horst Mann

  4. Michael Bauch
    Titel:

    Ein sehr interessanter Artikel, der auch kurz und auf verständliche Weise viele neue Erkenntnisse zur Weingeschichte erläutert.

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