Biodiversität als landwirtschaftliche Methode (Teil 1)


von Hans-Peter Schmidt

Biodiversität ist nicht nur ein ästhetisches Prinzip für Naturliebhaber, sondern die Grundlage aller Lebensprozesse. Die lineare Denkweise der konventionellen Landwirtschaft hat dies lang ignoriert. Doch angesichts der katastrophalen Folgen für die Umwelt und die Nahrungsqualität, hat auch in der Landwirtschaft ein Umdenken begonnen. Mit dem vorliegenden Artikel beginnen wir eine längere Serie über die Methoden und Prinzipien gezielter Biodiversitätsförderung als landwirtschaftliche Methode.  Der einleitende erste Teil beschäftigt sich zunächst mit den erstaunlichen Selbstheilungskräften, die Pflanzen in intakten Ökosystemen zu entwickeln vermögen.

Es gilt noch immer geradezu als ein Wunder, wenn die Selbstheilungskräfte eines Menschen ohne sonstige Medikamente unheilbar geltende Krankheiten wie Hirntumore, HIV oder Parkinson in zum Teil sehr kurzer Zeit spurlos zum Verschwinden bringen. Es geschieht selten, aber es geschieht. Obwohl Wunder in der Wissenschaftsgeschichte fast immer Herausforderungen zu neuen Erkenntnisprozessen waren, reagiert die moderne Medizin oft allergisch gegenüber Fällen wundersamer Spontanheilung und verleugnet lieber die Wunder als einzugestehen, dass sie keine Erklärung dafür haben. So kommen laut Angaben der konventionellen Medizin  Spontanheilungen bei Krebserkrankungen nur im Verhältnis von 1:60.000 bis 1:80.000 vor. Nach Angaben von György Irmey, dem ärztlichen Direktor der Gesellschaft für Biologische Krebsabwehr, liegt das Verhältnis allerdings bei mindestens 1:500 (siehe Natur&Kosmos 10/2009). Doch egal wie selten diese Fälle von Selbstheilung letztlich sind, sie sind häufig genug, um sie nicht als Wunder abzutun, sondern als wissenschaftliche Herausforderung zum Nachdenken anzunehmen.

Scheinbar spontane Selbstheilungen kommen nicht nur in der Medizin vor, sondern sind praktisch überall in der Natur anzutreffen. In der Ökologie nennt man das, was man in der Medizin als Selbstheilung bezeichnet, die Selbstregulierung von Systemen. Ebenso wie die alternative Medizin Krankheiten als Symptom von Disharmonien des Organismus ansieht und die Heilung nicht als unmittelbare Bekämpfung der Krankheit, sondern als Stärkung des Organismus betreibt, gilt auch in Ökosystemen, dass massiver Schädlingsbefall wie z.B. durch Borkenkäfer im Wald, Mehltaupilze im Rebbau, Wurzelbohrer im Mais oder Blattläuse auf Apfelbäumen ein Zeichen für das Ungleichgewicht des ökologischen Systems ist.

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In Monokulturen, wie es in der modernen Landwirtschaft die Regel ist, ist das ökologische System bedenklich aus dem Gleichgewicht geraten. Durch die Auflösung der biologischen Komplexität, wie sie in einem Mischwald oder einer Prärie ursprünglich herrscht, greifen die Selbstregulierungskräfte des Systems quasi ins Leere. Die Folge ist, dass die landwirtschaftliche Kultur nur unter massivem Einsatz von Pestiziden überhaupt bis zur Ernte gedeiht.
Jeder kennt den Apfelbaum in Großvaters Garten, den Himbeerbusch neben den Johannisbeeren, die Kartoffeln neben dem Porree. Was im Kleingarten inmitten einer intakten natürlichen Umgebung heranwächst, wird zwar hier und da die Spur eines Blattkäfers oder einer Made aufweisen, aber nie so stark gefährdet sein, dass die Ernte in Gefahr gerät.
Mein Vater, ein erfahrener Kleingärtner, meinte kürzlich, wie er froh sei, kein Winzer zu sein, denn die Rebe sei doch eine schreckliche Pflanze, da sie derart anfällig gegen alle möglichen Krankheitserreger sei, dass man sie mindestens 6-mal pro Jahr spritzen müsse. Seine Himbeeren im Garten hätte er in den letzen 40 Jahren nicht ein einziges Mal spritzen müssen und hätte trotzdem jedes Jahr eine gesunde Ernte. Infolge dieses Gespräches sendete ich ihm das Merkblatt für den Pflanzenschutz von Himbeeren, woraus hervorgeht, dass professionelle Himbeererzeuger, bei denen die Himbeeren so wie die Reben bei den Winzern in endlosen Reihen nebeneinander stehen, sogar 8mal pro Jahr hochgiftige Pestizide spritzen müssen, um überhaupt etwas zu ernten.

Für die Landwirtschaft sind die permanenten Pestizidspritzungen so normal geworden, wie die Cholesterin senkenden Mittel für Rentner. Man stellt dies nicht einmal in Frage, selbst im konventionell-biologischen Anbau nicht, wo die chemischen Pestizide lediglich durch biologische oder mechanische Mittel ersetzt werden. So wird, um nur ein Beispiel zu nennen, ein in Plantagen produzierter Bioapfel mit rund 20 Schwefelspritzungen pro Saison behandelt. Pro Hektar und Jahr ergibt dies eine Schwefelmenge, mit der man die gesamte Schweizer Armee von Fußpilz heilen könnte.
Durch diese denaturierte Zucht und Behandlung werden die Kulturpflanzen derart schwach und krank, dass man sie eigentlich nur mit Patienten auf der Intensivstation vergleichen kann. Die Lebenserwartung mehrjähriger Pflanzen sinkt um das 4-fache. Apfelplantagen werden inzwischen aller 15 Jahre neu bepflanzt, und Reben, deren Lebenserwartung eigentlich zwischen 100 und 120 Jahren liegt (es gibt z.T. mehr als 300 Jahre alte Reben), müssen in konventionellen Rebbergen mittlerweile schon nach 30-35 Jahren ersetzt werden.

Doch stellt man solch einen im Sterben befindlichen Rebberg im 30sten Lebensjahr nach den umfassenden Kriterien agro-ökologischer Biodiversitätsförderung um und stimuliert somit die Selbstheilungskräfte der Pflanze, erholen sich die Reben sichtlich bereits von einem Jahr zum nächsten. Spätestens im dritten Jahr nach der Umstellung tragen die Reben wieder qualitativ hochwertige Trauben und das mit gleichen Erträgen wie jüngere, konventionelle Reben. Zudem wächst die Widerstandskraft, so dass die Pflanzenschutzmaßnahmen radikal vermindert werden können und die Lebenserwartung um mehr als das Dreifache steigt. Der Mediziner würde in diesem Fall wohl von Wunderheilung sprechen, denn Medikamente sind bei diesem Kampf gegen den Tod nicht zum Einsatz gekommen.

Die Prinzipien, die bei dieser „Wunderheilung” von Rebpflanzen zum Tragen kommen, ermöglichen eine Reihe wertvoller Rückschlüsse auch auf die menschlichen Selbstheilungskräfte, die Gesundheit und deren Zusammenhang mit einer ökologisch und gesellschaftlich intakten Umwelt. In den nächsten Folgen dieser Artikelserie sollen daher die Grundlagen und Prinzipien einer solchen, auf der Förderung von Biodiversität beruhenden agro-ökologischen Umstellung eines Rebberges ausführlich dargelegt werden, um nicht zuletzt zu zeigen, wie die Selbstheilungskräfte vom komplexen Zusammenspiel der biologischen Prozesse abhängen.

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Biodiversität als landwirtschaftliche Methode (Teil 1), 4.9 out of 5 based on 14 ratings

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2 Antworten zu “Biodiversität als landwirtschaftliche Methode (Teil 1)””

  1. andreas thomsen
    Titel:

    Meiner Ansicht ein gelungener Artikel mit sehr spannenden Gedanken.
    Die Parallelen zwischen Krebserkrankungen und den Plagen der konventionellen Landwirtschaft sind mir bislang nicht bewusst gewesen, obwohl ich sowohl Gärtner bin als auch Mediziner mit täglichem Kontakt zu Krebspatienten.
    So wie eine Monokultur auch ohne Schädlingsbefall bereits eine kranke ökologische Wüste ist, so hat ein beträchtlicher Teil der Patienten bereits jahrelang ein krankmachendes Leben geführt, bevor der Tumor gewachsen ist.

  2. Claudia Lowes
    Titel:

    Ich arbeite als Apothekerin und habe keine landwirschaftlichen Erfahrungen.
    Das Aktivieren von körpereigenen Ressourcen durch alternative ganzheitliche
    Behandlungsmethoden wie Homöopathie,Entgiftungskuren durch gezielte Ausleitung,Milieuverbesserung der Darmschleimhaut oder Säure-Basen-Balance ist in vielen Fällen Grundlage für eine nachhaltige Gesundung.
    Gesundheit ist kostbar.
    Der Mensch muss auf seine eigenen Körpersignale hören und diese nicht durch externe Manipulation ausschalten oder überdecken.
    Dieses Prinzip macht jeden lebenden Organismus über kurz oder lang krank.
    Die Zusammenhänge in dem Artikel sind für mich absolut logisch.

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